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JOACHIM WITT - "BAYREUTH 2"
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published by EPIC/SONY MUSIC 2ooo
Ich mach es kurz, dies ist ein deutscher Artikel, da es unsinnig wäre, sich über
einen deutschen Künstler, der sich nur deutscher Sprache bedient und ebenso nur
die deutsche Musikszene seit fast 2o Jahren mehr oder minder stark beeinflusst
hat, in englischer Sprache auszulassen...
Ja, er reitet wieder, der goldene Reiter. Unvergessen ist eben dieser Hit, den
Witt Anfang der 8oer Jahre in die Neue Deutsche Welle einbrachte. Ebenso ist zu
erwähnen, dass es Herr Witt nach dem "Goldenen Reiter" und "Herbergsvater" für
Jahre nicht geschafft hat, auf der Welle ganz oben mitzuschwimmen.
Schon damals war Witt als Künstler verkannt worden, und so fiel der goldene Rei-
ter von seiner hohen Leiter und verschwand für Jahre in der Versenkung. Und er
überlebte, glücklicherweise.
1998 eroberte er im Duett mit Peter Heppner von WOLFSHEIM und der Electro-Pop-
Wave-Herzschmerz-Hymne "Die Flut" die deutsche Hitparaden, wurde im Radio und
Fernsehen nahezu totgespielt.
Dass dies keine Eintagsfliege war, bewies das folgende Album mit dem Namen
"Bayreuth 1". Auch wenn seine eigenen Singles "Und Ich Lauf" sowie "Das Geht
Tief" den Erfolg der Flut-Single nicht wiederholen konnten, verkaufte sich das
Album insgesamt mehr als gut und Joachim Witt war zurück im Geschäft.
Allerdings tat man sich schwer, denn der goldene Reiter kam mit brachialen
Soundgewittern daher, die Bands wie RAMMSTEIN oder OOMPH! in nichts nachstanden
und ihn dummerweise erneut in eine Ecke stellten, in die er einfach nicht ge-
hörte. Allein schon der sinnentleerte Begriff der "Neuen Deutschen Härte" sollte
mit zu den Unworten jener Zeit gerechnet werden und passte so gar nicht zu Witts
Ansinnen und Musikschaffen, wo andere Bands vornehmlich provokant und zuweilen
auch sehr primitiv zu Texte gingen, verstand es Witt, der deutschen Sprache sehr
interessante Seiten abzugewinnen...
So, und es war ruhig, 2 Jahre lang, und da kommt mit einem Schlag das zweite
Album der Werkreihe Bayreuth... Und Witt hat sich gefangen. Zum einen wirkt es
viel homogener, ist nicht so brachial vertont wie ersteres ohne dabei an der
Intensität der Texte zu verlieren... und... es hat einen genialen Opener!
Fans der Musikszene der alten DDR werden sich an die Kultband SILLY und deren
charismatische Sängerin Tamara Danz, die vor einigen Jahren viel zu früh ver-
starb, erinnern, ebenso wie an deren Schmachtfetzen "Bataillon D'Amour" aus den
8oer Jahren. Joachim Witt hat ebendiesen Song in ein neues Gewand gesteckt und
mit seiner unheimlichen Stimmkraft in einen Gänsehaut-erzeugenden Gassenhauer
verwandelt, der allein Anreiz genug sein sollte, sich das ganze Album zu holen!
Ok, hier das Tracklisting...
o1 - Bataillon D'Amour
o2 - Stay?
o3 - Der Sturm
o4 - In tiefer Nacht
o5 - Jetzt und ehedem
o6 - Seenot
o7 - Kyrie eleison! (Der Mönch)
o8 - Dann warst du da!
o9 - Hey - hey (Was für ein Morgen!)
1o - Die Flucht
11 - Über den Ozean
Um es vorweg zu nehmen, wer eine Schlachteplatte erwartet, wie sie einst in
"Bayreuth 1" zu Gehör kam, wird enttäuscht werden. Nahezu alle Songs werden un-
heimlich atmosphärisch dargebracht, getragen und Witt spielt alle Variationen
seiner tiefen Stimme durch, um die Dramatik um einiges zu steigern.
Es lässt sich schlecht beschreiben, doch dieses Album versprüht einen unheimlich
deprimierenden Charme, denn neben morbiden Fantasien wird auch wieder das Feld
der Liebe beackert, so dass es ächzt. Und so singt Witt von dem Nichtverstanden
werden ("Stay?"), vom Sterben in Naturgewalten ("Der Sturm"), Hingabe in die
Liebe ("Seenot", "Über den Ozean" und "Dann warst du da"), seinem Unverständnis
gegenüber dem Zölibat ("Kyrie eleison!") und immer wieder taucht unterschwellig
das Thema Tod und Sterben auf.
Es ist schwer zu sagen, ohne Zweifel bildet der Opener "Bataillon D'Amour" auch
gleichzeitig den intensivsten als auch dancefloor geeignetsten Punkt des Albums,
das liegt weniger daran, dass Witt nicht fähig wäre Eigenkreationen entsprechend
wirken zu lassen, nein vielmehr vielleicht am Wissen um den Song an sich.
Weitere Highlights sind aber auch "Stay?" (welches in deutsch vorgetragen wird!)
als auch "Der Sturm" (lebt vom Wechselspiel getragener Strophen und fast schon
poppiger Refrains), "Seenot", "Hey - Hey..." sowie "Über den Ozean"...
Allen Songs ist im übrigen die Symbiose aus teilweise hartem Gitarrenspiel und
Cello Spiel, die sämtliche Agressivität, die die Gitarren aufbauen gleich wieder
entschärfen und die getragene Stimmung des Albums unterstützen und vor einem
Absturz in Industrial-Gewitter bewahren.
Ok, meines Erachtens ist allein, wie bereits erwähnt, "Bataillon D'Amour" den
Kauf des Albums wert und ein Grossteil der restlichen Songs dürfte sich ebenso
nach kurzer Hörprobe erschliessen. Meines Erachtens liegt das balladeske dem
Herrn Witt erheblich besser und somit gefällt mir dieses Album ebenfalls noch
eine ganze Ecke mehr als sein letztes.
Und das der goldene Reiter tot ist und nie mehr zurückkehren wird, dürfte auch
schon lange klar sein... und nachdem Witt ziemlich schmerzlich seinen eigenen
Song gelebt hat, über Jahre unbeachtet und alles andere als erfolgreich versucht
hat, seine Musik unter die Leute zu bringen, denke ich, ist es ihm mehr als zu
gönnen, erneut aus der Versenkung auftauchen zu können, mit dem was ER will...
Joachim Witt beweist mit "Bayreuth 2" einmal mehr, dass er mehr Potential hat,
als ein Grossteil der heutigen deutschen Musikszene und ich hoffe auf weitere
Werke dieses unvergleichlichen Mannes, der in einer Welt der Big-Brother-"Stars"
beweist, dass deutsche Lyrik alles andere als primitiv sein muss und unserer
Muttersprache zu ungeahnten Höhenflügen verhilft... haaaach...
KAUFEN!
.wir träumen tränen zum hundertsten mal. moondog
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