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WEIHNACHTSWAHN IN DEUTSCHLAND
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Hallo zusammen, es ist Zeit wieder mal ein wenig muttersprachlich zu agieren...
Ja, Weihnachten steht vor der Tür, das ist jedem bewusst und bekannt, doch wenn
man mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird einem nach kurzem hinschauen
auch der damit verbundene Wahn offenbar.
Kurz eine Vorgeschichte, die von Nöten ist, um all das kommende besser zu ver-
stehen. Hier, bei uns zu Hause, im Süden von Sachsen-Anhalt, ist uns zwar schon
bewusst, dass das Weihnachtsfest religiösen Ursprungs ist, doch wurden wir in
den 4o Jahren DDR von jeglichem Religionswahn "zwangs"geheilt und Weihnachten
wurde mehr und mehr zu einem weltlichen Fest, Symbol für friedliches Miteinander
und Füreinander dasein, für ruhige Stunden im Kreise der Familie daheim, in ei-
ner dunklen, ja nahezu lebensfeindlichen Jahreszeit.
Die Weihnachtszeit war vor nicht allzulanger Zeit in unseren Breiten wirklich
mehr ein Fest für die Familie, mit RICHTIGER Vorfreude auf Geschenke, denn es
gab bekanntlich nicht alles in unserer guten alten DDR und man war froh auch nur
halbwegs entsprechende Geschenke auftreiben zu können. Auch wenn man sich dafür
die Hacken abrennen und Schlange stehen musste... dafür war aber die Freude beim
Schenken und Beschenkt werden viel grösser.
Der Wahn fing auch nicht mit Beginn des Herbstes an, nein, erst wenn man die
Schokoweihnachtsmänner im Konsum sah, wusste man, es ist bald so soweit. Und als
dann kurz vor den Feiertagen auch noch rationsweise die Nüsse verkauft wurden
und Cuba-Apfelsinen, nicht gerade orange sondern eher grün, zu haben waren, war
schon klar, dass jetzt die Zeit der Heimlichkeiten losging. Plätzchen backen und
heimliches Werkeln im Keller war an der Tagesordnung.
Und schlussendlich kam mit den Feiertagen nicht nur die Zeit des Beschenkt-
werdens, nein, auch die Besuche in der Familie untereinander aber auch bei all
den Menschen und Freunden, von denen man lange nichts hörte, gehörten dazu.
Auch Spaziergänge über einen längst nicht so üppigen Weihnachtsmarkt und durch
leere (die meisten Geschäfte schlossen ja schon um 5) Strassen, liessen einen
fühlen, insbesondere anhand der glücklicherweise spärlichen Deko, dass die wohl
besinnlichste und ruhigste Zeit des Jahres angebrochen ist.
In Zeiten wo es nicht viel gab, zählten halt andere Werte. Ohne diese Zeiten zu-
rücksehnen zu wollen, ist diese besinnliche Zeit nach der Wende in ein Chaos ab-
geglitten, welches von Jahr zu Jahr abartigere Ausmasse annimmt.
Hola! Der Kapitalismus hat uns wieder und als hätten die Bürger der ehemaligen
DDR etwas nachzuholen, stürzen sie sich ins Getümmel. Nein, es zählt nicht mehr
die Fantasie beim Geschenkekauf, es muss halt nur viel und trendy sein.
Und so schleppen die Menschen haufenweise oftmals sinnlose Waren aus den Konsum-
tempeln, ohne genau zu wissen warum und wofür...
Die einst eh schon durch ihre Kälte und Dunkelheit bedrückende Zeit, ist durch
die Kälte und Hektik im täglichen Kampf an der Ladentheke um einiges ungemüt-
licher geworden. Selbst der am besten geplante und mit viel Zeit bedachte Ein-
kaufsbummel wird in diesen Zeiten zu einer Schlacht und man fällt am Ende ziem-
lich entleert zu Hause ins Bett und denkt: "Hoffentlich ist es bald vorbei!"...
Das vormalige Denken daran, mit wenig einem Menschen eine Freude zu bereiten ist
einem unmöglichen Konsumdenken gewichen. Von allen Seiten stürzen perverseste
Werbungen unerbittlich auf die armen Menschen ein. Durch Dauerwerbeschrott und
Trend-Wahn werden Kinder zu Nervensägen und in vielen Häusern, in denen das Geld
knapp wird, bricht der Kriegszustand aus, denn diese Markenartikel und das Handy
und der Mist müssen her, oder es wird gestreikt und gebockt bis Neujahr...
Und so hetzen die Mütter und Väter, Omi's und Opi's kurz vor dem Fest der Feste
bepackt wie arabische Händler durch die Städte um den Haussegen zu retten. Es
fragt keiner mehr nach Sinn und Zweck, denn diese Fragen werden durch die über-
dreht tönenden Medien einfach überfahren.
Nicht nur das diese ganze Dramatik und Hektik der Vorweihnachtszeit dieses Fest
als nicht erstrebenswert empfinden lassen, nein, Weihnachten wird viel mehr als
Marketing und Konsumschlacht verstanden. Auch wenn ein paar Leute sich brüsten,
Heiligabend wieder in die Kirche zu gehen, den Sinn, vor allem den ich dem Weih-
nachtsfest aus der Sicht eines ehemaligen DDR Bürgers beimesse, erfasst schon
lange kaum noch einer.
Wie schreibt man doch meist auf den Karten: "Glanzvolle und besinnliche Feier-
tage"... nein, sie sind nicht glanzvoll, da man sich erholen muss, von dem gan-
zen Stress und Wahn der Vorweihnachtszeit. Es macht einfach keinen Spass und
Sinn mehr.
Und es gibt weiterreichende Gründe dafür. Es ist nicht nur Stress und Hektik
Schuld am Verfall der weihnachtlichen Vorfreude. Mit dem ganzen aufgeblasenen
Vorweihnachtsgeschäft entlarvt sich der Trubel ohnehin selbst.
Wenn man in manchen Supermärkten schon im September über die ersten Weihnachts-
artikel stolpert, scheinheilig aus irgendwelchen Ecken Weihnachtsmusik trällert,
während Palettenweise Sonderposten verramscht werden, freut man sich von vorn-
herein nicht mehr drauf. Einzig und allein Grauen macht sich breit.
Dazu kommt der ganze Kitsch, der langsam von jeder Strasse, jedem Laden und auch
jedem Fenster in der Stadt Besitz ergreift. Je mehr Lichterketten man hat, desto
mehr zeigt man seine Freude auf Weihnachten? Je krasser die Lauf- und Blink-
lichter sind, je höher die Stromrechnung, je mehr Geld verpulvert wird, gleich
nach dem Motto, hast du was, bist du was? Auf der einen Seite ist solches Gehabe
schon lächerlich, auf der anderen Seite stimmt es sehr traurig.
Aber es kommt schlimmer. Auch die traditionsbewussten und zum Teil auch noch in
gewisser Weise religiös gebundenen Menschen, verfallen diesem Wahn. Das reicht
von Plastikspieluhren aus Taiwan und blinklichtgeschädigte Plastik-Krippen aus
Korea über diverserlei anderen Kitsch mehr. Das diesen Produkten jedwede auch
nur ein bisschen Heimelichkeit und Gemütlichkeit abgeht, stört die meisten aber
wenig. Es ist bunt, passt zum lauten oberflächlichen Klischee unserer Gesell-
schaft und kostet nur 1o DM, also her damit!
Andere grauenvolle Entdeckungen kann man dafür in den Supermärkten tätigen, das
reicht von halbnackten Weihnachtsfrauen letztes Jahr bis hin zu Osterhasen mit
roter Mütze und Bart dieses Jahr (gesehen im Toom Supermarkt Jena). Wo bleibt
denn da der Sinn und Verstand?! Selbst für die Kinder geht damit langsam jeder
Bezug zu Weihnachten verloren.
Und um dem ganzen Irrsinn die Krone aufzusetzen, stehen gleich neben den Weih-
nachtsschokofiguren die bunten hartgekochten Ostereier und Osterzuckerdragees.
Soweit sind wir schon...
Tja, und dafür kann nun glücklicherweise keiner so richtig was, hinzu kommt nun
auch noch das Fehlen anderer Tribute, die man weihnachtlich nennen kann. Wenn
man den laut und schrill klingenden Supermarkt verlässt, steht man blinzelnd auf
dem Parkplatz, die Sonne lacht vom Himmel und man möchte am liebsten seine Jacke
ausziehen... Schnee hat man schon seit Jahren nicht mehr richtig zu Gesicht be-
kommen..
Dann setzt man sich erschöpft ins Auto und denkt... was zur Hölle geht hier nun
eigentlich vor?!
Ich will es nicht weiter ausführen. Mir reicht es, wenn ich nachher wieder zum
Spätdienst muss, die vielen übertrieben bunt leuchtenden Fenster sehen muss und
bei meinen Patienten den letzten Kitsch betrachten muss...
Denkt über meine Zeilen nach, verbringt lieber etwas mehr Zeit mit den Menschen,
die Euch was bedeuten als in den ganzen Konsumtempeln...
eine besinnliche und geruhsame
(Vor)Weihnachtszeit wünscht...
moondog
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